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Mit ohrenbetäubendem Lärm rast der Motorradfahrer die Passstraße hinauf. In jeder Kehre legt sich der Biker dermaßen steil in die Kurve, dass er samt seiner Maschine fast in die Leitplanke abschmiert. Der Typ ist eben ein echter Berg-Genießer. Wie bitte? Die meisten ALPINWELT Leser werden diese Raserei nur schwer mit montan-romantischem Genuss in Verbindung bringen.
Die Etymologie (Lehre von der Wortherkunft) sieht das Ganze nicht so eng. Der Begriff „Genießen“ hatte ursprünglich eine wesentlich weitergehende Bedeutung als heute. Und zwar im Sinne von „etwas nutzen“ oder „etwas benutzen“. Der Biker nutzt und genießt Passstraßen ... und somit die Berge als praktisches Sportgerät. Diese Bedeutung hat sich bis heute in Begriffen wie „Nutznießung“ oder „Nießbrauch“ erhalten. Und wenn das Benutzte auch noch verbraucht wird, dann wird der Genuss zum Zwillingsbruder des Konsum.
By fair means - also mit eigener Muskelanstrengung – kraxeln wir Bergsteiger auf heiß ersehnte Genussgipfel und schütteln über dekadente Motorradfahrer empört den Kopf. Degradieren sie doch die heile Bergnatur für ihre persönliche Bedürfnis-Erfüllung zur abgasverpesteten Rennstrecke.
Doch spätestens beim Genuss von Klettersteigen ist der „ach so umweltpolitisch korrekte Bergfex“ vom Konsumcharakter des Motorsportlers gar nicht mehr so weit entfernt. Bei den allerorts aus dem Fels sprießenden Neuanlagen degradieren Seilrutschen und Hängebrücken die steile, wilde Bergnatur zum – vergleichsweise - leicht konsumierbaren Kletterpark. „Take nothing but pictures, leave nothing but footprints.” Das ewig gültige Motto sollte angesichts immer neuer technischer Erschließungen um den Zusatz “Use nothing but natural conditions!” erweitert werden.
Welcher Genuss ist denn nun erlaubt? Und wie ökologisch soll er denn sein? Zugegeben, man befindet sich bei der Beantwortung dieser Fragen im Dilemma. Denn Genuss bedeutet stets auch Fülle, Opulenz und auch das Ausloten von Grenzen. Andererseits heißt Genuss „ein Mittel oder ein Verhalten mit Gespür für das richtige Maß zu konsumieren oder auszuführen.“
Bergwanderer haben es am leichtesten den Spagat zwischen Maß und Unmaß hinzubekommen. Die Anreise mit öffentlichen Verkehrsmittel und die Berücksichtigung ausgewiesener Wege ermöglichen bei dieser Spielart des Bergsports problemlos einen „ökologisch korrekten Berg-Genuss“. Bei dem man zugleich üppige Blumenwiesen oder endlose Gipfelpanoramen verschwenderisch genießen kann.
Im Fels wiederum zeigen Führer wie die „keep wild climbs“ von keepwild/Panico den Weg zum naturverträglichen Kletter-Genuss.Auf 66 naturbelassenen, das heißt selbst abzusichernden Genussrouten werden die eigenen Grenzen ökologisch korrekt ausgelotet. Allerdings braucht es für das von Mountain Wilderness Schweiz initiierte „clean climbing“ auch eine gehörige Portion alpine Klettererfahrung.
Um wie viel leichter haben es da die Feinschmecker. Im Internet machen sie sich schlau darüber, wo man sich ökologisch korrekt und natürlich mit Bergblick den Bauch voll schlagen kann. Berghütten, die sich beispielsweise an der DAV-Aktion „So schmecken die Berge“ beteiligen, verzichten auf von weit her transportierte Massenprodukte und unterstützen die lokale Landwirtschaft. Beim Verzehr eines wirklich guten Stückes Fleisch kommen ökologischer und gustatorischer Genuss dann zusammen: Weidehaltung macht nicht nur die Rinder, sondern auch den umweltbewussten Gourmet glücklich, der statt eines pharmazeutischaufgepäppelte Kunstprodukts ein natürliches Lebensmittel aus kontrollierter Herkunft serviert bekommt.
Wobei man es – wie immer im Leben – auch nicht übertreiben darf: 2004 stellte der Wiener Sozialmediziner Michael Kunze eine Ernährungsstudie vor, die vor „krankhaftem Gesundessen" warnt. Diesem neuen Krankheitsbild „Orthorexia nervosa“ liegt das pathologischen Bemühen zugrunde, alle „schlechten“ Ernährungsgewohnheiten abzulegen, um beim Essen alles "richtig" (griechisch "ortho") zu machen. Was zu einer krankhaften Fixierung auf gesunde Nahrungsmittel führt. Was folgt daraus? Wahrer Genuss schließt immer die Vernunft mit ein. Genuss ist unbegrenzbar und unerschöpflich. Aber er darf auch beim Bergsport niemals auf Kosten des Mitmenschen und möglichst auch nicht auf Kosten der Umwelt gehen, für deren Erhalt wir verantwortlich sind.
(In: Alpinwelt 2/2008)
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