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Einsame Spuren in der Surselva
Das Bündner Oberland gilt bei vielen Tourengeher als Geheimtip
Kurz hinter Chur versperrt der grösste Bergsturz der Alpen das hier noch breite Tal des Rhein. Auf einer kurvenreichen Bergstrasse quält sich das Auto nach Ilanz hinauf. “Die erste Stadt am Rhein” – ein Attribut auf das die Bewohner stolz verweisen - liegt im Herzen des Bündner Oberland und ist somit der perfekte Ausgangspunkt für die unzähligen umliegenden Skitouren. Vielleicht sind die gegen Ende der Eizeit herab gestürzten, abweisenden Gesteinsmassen daran Schuld, dass die Surselva – so die rätoromanische Bezeichnung - nur wenigen deutschen Tourengehern ein Begriff ist. Oder es liegt daran, dass man die Region eher mit den grossen Skizirken von Laax - Flims, Obersaxen und Disentis assoziiert. Wie dem auch sei, selbst in der Hochsaison trifft man auf den meisten Routen nur vereinzelt auf andere Tourengeher. Dabei wurde hoch über dem Rhein ein Meilenstein des Skitourengehens gesetzt: 1989 gelang Walter Paulke am Oberalpstock die erste Skibesteigung eines Dreitausenders. Heutzutage steigen ausnahmslos Ski Plus Anhänger auf den zweithöchsten Berg der Glarner Alpen. Wer wird sich auch aus dem tief eingeschnittenen Rheintal 2100 Höhenmeter hinauf quälen, wenn er mit der Seilbahn mühelos auf 2800 Meter schweben kann?
Im Bündner Oberland reicht das Tourenspektrum von idealen Skihängen für Anfänger bis zu Gipfelanstiegen für Könner. Dementsprechend reichen die Schwierigkeitsbewertungen des Schweizer Alpen Club für das Gebiet von MA (Mittlere Skifahrer) bis zu SGA (Sehr Guter Alpinist). Schuld daran ist der äußerst erosionsanfällige Bündner Schiefer, der auch für den oben erwähnten Bergsturz verantwortlich zeichnet. Im Verlauf von Millionen Jahren konnte das Wasser in der Surselva sanfte Bergrücken heraus modelieren, sodass auf den Anstiegen zu Piz Maler, Cauma oder Piz Sezner eine ideale und lawinensichere Spuranlage ein Kinderspiel ist. Wo die aus hartem Triaskalk bestehende Glarner Decke den losen Schiefer schützt, überspringen hingegen anspruchsvolle Felsgipfel die 3000 Meter Marke. Ausgesetzte Blockgrate und steile Firnflanken warten auf denjenigen, der Piz Tumpiv, Piz Terri oder gar seine Majestät den Tödi besteigen will. Letzter ist mit 3614 Metern der mit Abstand höchste und schwerste Berg im ganzen Umkreis.
Wir beginnen lieber mit einer gemütlichen Eingehtour auf die Cauma. Ein Unternehmen, dass man meist noch am Anfahrtstag angehen kann. Nach dem gemächlichen Anstieg über freie Almflächen stossen wir bald auf ein Paradebeispiel Schweizer Höflichkeit. Während die meisten deutschen und österreichischen Jäger Skitourengeher als Störenfriede im Winterwald begreifen, setzt der Schweizer Jagdverband auf Kooperation: An der Alp da Riein bittet ein freundlich formuliertes Hinweisschild darum, auf dem folgenden Abschnitt (der durch den Lebensraum von Schneehühnern führt) die ohnehin lohnende Waldschneise nicht zu verlassen. Solche durch Waldschutzgebiete führenden Tourenabschnitte sind übrigens in den Schweizer Skitourenkarten exakt eingezeichnet. Nach einem kurzen Steilaufschwung stehen wir schließlich auf der breiten Gipfelkuppe der Cauma - einem Ausichtsberg par excelence. Ganz abgesehen davon dass fast alle Tourenziele der kommenden Tage zu uns hinüber grüßen, bieten sich höchst eindrucksvolle Perspektivunterschiede: 1500 Meter unter uns tost der junge Rhein, um in einem wilden Canyon den Flimser Bergsturz zu durchbrechen. Und hinter uns geht über den mächtigen Nordwänden der Signina Gruppe gerade der Mond auf.
Die folgende Nacht beschert uns ca. 15 Zentimeter Neuschnee, die eine pulvrige Abfahrt vom Piz Lad versprechen. Doch zuvor muss man erst mal droben sein! Idealen Skihängen oberhalb von St. Martin folgt auf der Vorderalp ein Flachstück, dass sich ganz schön in die Länge zieht. Einer Entschädigung gleich präsentiert sich der überwältigende Blick auf den direkt gegenüberliegenden Tödi. Diesem vorgelagert ragt der Doppelgipfel des Piz Tumpiv in den stahlblauen Himmel – Eine Gewalttour die wir uns für den nächsten Tag vorgenommen haben. Die Hänge werden wieder etwas steiler und wir erreichen bald die Kuppe des Piz Titschal. Hier endet die, auf der Karte eingezeichnete Skiroute. Voll Unternehmungslust - bei so idealen Verhältnissen wäre es wirklich eine Schande ins Tal abzufahren! – fahren wir ein kurzes Stück nach Süden ab und steigen noch eine Viertelstunde auf den 100 Meter höheren Piz Lad auf. Und auch dort juckt es uns in den Fingern, bietet sich von hier anscheinend eine Gratüberschreitung zum noch etwas höheren Piz Val Gronda an. Zuletzt siegt dann die Vernunft – denn in Anbetracht der morgigen 2000 Höhenmeter wollen wir uns nicht zu sehr verausgaben. Und die Abfahrt hält dann tatsächlich, was der gefallene Neuschnee versprach!
Schlans ist der perfekte Stützpunkt für die Tour zum Piz Tumpiv. Obwohl jedermann weiss, dass der dritte Urlaubstag der unfallsträchtigste ist, haben wir uns für dieses anspruchsvolle Ziel entschieden. Nach einer geruhsamen Nacht in dem wunderschön gelegenen Bergdorf schnallen wir uns gleich im Ort die Ski unter die Füße. Doch leider hat das Hochdruckgebiet der vergangenen Tage eine Verschnaufpause eingelegt. Kaum liegt der schützende Waldbereich circa 300 unter uns tauchen wir auch schon in die ersten Nebelschwaden. Normalerweise wäre das hier oben ein Grund zum Umkehren. Denn auf dem Abschnitt durchs Val Dadens liegt eine Steilstufe die man richtig umgehen muss. Zu unserem Glück sind schon einige ortskundige Tourengeher früher aufgestanden und haben eine perfekte Aufstiegsspur hinterlassen. Ausserdem hat kein Neuschnee die Lawinensituation verschärft. So steigen wir in meditativer Ruhe durch den Nebel weiter aufwärts und gelangen schließlich auf den steilen Tumpivgletscher. Spätestens hier zeigt sich wer gute Kondition hat, hat man bereits schlappe 1500 Höhenmeter schon bewältigt. Dementsprechend lang fällt unsere Brotzeitpause am Skidepot aus. Denn wacklige Beine kann man für die Blockkletterei auf den Nordgipfel beim besten Willen nicht gebrauchen. Stolz stehen wir kurze Zeit später auf dem 3101 Meter hohen Gipfel. Wie zur Belohnung spitzt ab und zu der breite Gipfel des Tödi durch die zerissenen Wolkenschichten.
Die kommenden Tourenziele sind zwar etwas gemächlicher, führen uns dafür zum sagenhaften Quellgebiet des Rheines. Immer flussaufwärts folgen wir der Straße zum Oberalppass. Diese endet abrupt an einer hohen Schneemauer. Bis zum Weiler Tschamut wird im Winter geräumt, wodurch dieses kleine Bergdorf den Hauptausgangspunkt zu den Skitouren rund um die Maighelshütte darstellt. Die Gipfelziele bieten sich sowohl für ein verlängertes Hüttenwochende als auch als Tagestouren an. Auf dem direkten Nordanstieg zum Badus/ Six Mundaun käme man am Lai da Tuma vorbei, der als Quelle des Rheines gehandelt wird. Wir entscheiden uns aber für die lawinensicherere Alternative und steigen über den Lai Urlaun und die flacheren Ostflanke zum Gipfel auf. Auch auf dieser Variante hat man zum Schluss einen kurzen, ausgesetzten Schneegrat zu bewältigen, bevor am höchsten Punkt ein überwältigendes Panorama winkt. Im Westen leuchten die in weiches Winterlicht getauchten Gipfel der Urner Alpen und des Berner Oberlandes. Im Osten dominieren die großen Bergmassive des Oberalpstock und des Tödi den Horizont
Tage könnte man hier noch verbringen doch wir müssen leider heim. Zum Abschluss habe ich einen absolut unbekannten Leckerbissen aufgehoben, der direkt auf dem Rückweg liegt. “Ob´s mir noch gut geht?” fragen meine Freunde als ich unbeirrt zu den Skizirken von Laax und Flims zurückfahre. Und in der Tat kann man sich hier kaum vorstellen, dass in der Nähe dieses Megawintereventparks eine lohnenswerte Tour liegen könnte. Doch keine drei Kilometer von Flims entfernt beginnt eine landschaftlich abwechslungsreiche Skibesteigung der Extraklasse. Durch dichten Wald folgen wir zunächst einem Winterwanderweg, bis wir die in einem steilen Talkessel gelegene Hochalm von Fidaz erreichen. Ab jetzt heißt es selber spuren. Denn trotz des guten Wetters der Vortage wollte niemand zum Piz Mirutta. Über steile Westhänge erreichen wir dessen breiten Rücken und haben in den letzten 90 Aufstiegsminuten daher einen sagenhaften Ausblick. Das gibt uns die Möglichkeit sich von den Bergen die uns so viel Spass gemacht haben zu verabschieden. Denn Cauma, Piz Lad und Piz Tumpiv sind am Horizont leicht auszumachen.
Tourenplaner:
Anfahrt: Über die A 96 zum Bodensee und weiter auf der Rheintalautobahn Richtung Chur. Bei Reichenau fährt man von der Autobahn runter und gelangt über Flims nach Illanz und Disentis.
Karten: Landeskarte der Schweiz mit Skirouten 1:50000: Sardona 247S, Safiental 257S, Disentis 256S, Klausenpass 246S .
Führer: Alpine Skitouren Band 2, Graubünden, Verlag Schweizer Alpen Club. Unterkunft: Als Stützpunkt empfehle ich die wunderschön gelegenen Orte Schlans, Rabius und Sumvitg im Vorderrheintal oder die ebenso idyllischen Weiler Vignong und Lumbrein im Val Lumnez.
Fremdenverkehrsämter: Sedrun Disentis Tourismus Tel: 0041 81 9204030. Internet: www.sedrundisentis.ch, Verkehrsverein Val Lumnezia Tel: 0041 81 931858, Internet: www.vallumnezia.ch
Lawinenlagebericht: Tel: 0041 1 187; oder im Internet: www.wsl.ch/slf.
Die Touren im Einzelnen:
Piz Miruttta, 2604, Hu: 1370 Hm, Schwierigkeit: GS Aufstiegszeit: 3,5 Std.
Route: Vom Parkplatz (1 Kilometer hinter Fidaz, bis hierher wird geräumt.) folgt man nicht der Strasse sondern dem Winterwanderweg zum Hochtal von Bargis (Beim der Abfahrt bitte auf entgegenkommende Fussgänger achten, bzw. daneben fahren.). Dort folgt man zunächst weiter dem Weg, zweigt nach einer Brücke aber rechts von ihm ab. Ein kleinerer Fussweg führt nun steil nach Norden zur Alp Lavadignas hinauf. Bei dieser überquert man einen Bach und quert ein Stück nach Westen um auf die andere Seite des Südrückens des Piz Mirutta zu gelangen. Über die Westflanke erreicht man den Rücken und gelangt nun immer diesen folgend in angenehmer Steigung zum Gipfel. Zum Schluss auf Wechten achten!
Cauma,2239 m Hu: 950 m.Schwierigkeit: GSAufstiegszeit: 2,5 Std
Route: Von Riein folgt man einer Almstrasse nach Norden. Hinter einem Waldstück verlässt man diese und steigt immer in nördliche Richtung durch Almflächen bergauf. Man erreicht bald wieder die Fahrstrasse um sich sogleich wieder nach Osten von ihr ab zu wenden. Man folgt nun einem Bachbett das durch ein dichtes Waldstück und schliesslich zur Alp da Riein führt. Von hier führt ein flacher Rücken weiter nach Nordosten. Kurz vor der Dutjer Alp wendet man sich nach Süden zum Gipfel der Cauma zu, den man über ihren Westrücken erreicht.
Piz Sezner ,2308 m Hu: 900 m. Schwierigkeit: MS Aufstiegszeit: 2,5 Std
Route: Von Lumbrein steigt man über freie Almflächen nach Nordwesten bergan. Bei den Hütten der Alp Crusch wird die Route flacher und verläuft nun mehr in westliche Richtung. An der Nordseite des Val Gronda hinauf querend erreicht man bald eine Mulde in der sich ein See befindet. Direkt westlich von diesem beginnt der markante Südwestrücken des Piz Sezner, über den man unschwer den Gipfel erreicht.
Piz Lad, 2665 Hu: 1350 m. Schwierigkeit: MS Aufstiegszeit: 4 Std.
Route: Von dem kleinen Dorf St. Martin steigt man über freie Wiesen nach Süden zu den Wasmer Almflächen auf. An diesen geht es in gleicher Richtung vorbei. Im anschließenden Waldbereich wendet man sich aber nach Westen um dem Waldweg entlang steiler aufsteigen. Man erreicht die flachen Almböden der Vorderalp. Nach den Hütten wendet man sich leicht nach Süden und gelangt in beliebiger Aufstiegsspur über die weite Nordflanke des Piz Titschal (2550m) auf dessen Gipfel. Von hier fährt man ein kurzes Stück nach Süden ab und ersteigt nun etwas steiler den Gipfelhang des Piz Lad
Piz Tumpiv, 3101 m Hu: 1950 m Schwierigkeit: GA Aufstiegszeit 5-6 Std.
Von Schlans aus folgt man der Almstraße zur Alp da Schlans. Zwei Kehren kann man abkürzen indem man Waldschneisen folgt. Von den Almflächen der unteren Alm geht es in nordwestlicher Richtung weiter zur oberen Alm. Hier wendet man sich nach Nordosten gelangt über die Prada Plauna schließlich in Nordrichtung ins eindrucksvolle Hochtal Val dadens, wobei man die Stufe auf ca. 2400 m auf deren Westseite überwindet. Auf 2520 m biegt man nach Westen ab und steigt den Gletscher des Tumpiv bis zum höchsten Punkt. Hier Skidepot. Für den Nordgipfel (3101 m) wendet man sich Nach Norden und erreicht eine sich vom Gipfel nach Osten herabziehende Rinne. Diese führt zum höchsten Punkt hinauf. Zum Südgipfel (3057 m) klettert man über einen mässig schwierigen Grat.
Piz Maler, 2790 m Hu: 1450 m. Schwierigkeit: GS Aufstiegszeit: 5 Std.
Route: Vom Weiler Surein folgt man einen Wiesenrücken nach Westen. An dessen Ende stösst man im Wald auf den zur Alp Tgom führenden Fahrweg. Diesen folgt man durch den Walbereich bis zu der Bergstation einer Materialseilbahn. Von nun an steigt man immer auf dem Scheitel eines breiten Rücken zu Punkt 2492. Von hier geht es in südwestlicher Richtung durch eine weite Mulde zum Nordwestgrat des Piz Maler. Über diesen erreicht man zum Schluss zu Fuss den höchsten Punkt.
Badus/ Six Madun, 2928 m Hu: 1260 m. Schwierigkeit: GS Aufstiegszeit: 4 Std.
Route: Von Tschamut (bis hierher wird im Winter geräumt) folgt man dem Talboden nach Westen. Man geht auf einen steileren, großen Hang zu den man in einem Rechtsbogen umgeht. Bald erreicht man flacheres Gelände und geht nun immer in Richtung Süden. In Höhe der Camona da Maighels wendet man sich nach Westen und steigt wieder steiler über ideale Skihänge bergan. Über einen kurzen, steilen Hang erreicht man das Skidepot am Südost Grat. Über diesen gelangt man in kurzer, leichter Kletterei schließlich den Gipfel.
Pazola Stock, 2739 m Hu: 1050 m. Schwierigkeit: GS Aufstiegszeit: 3 Std.
Route: Von Tschamut (bis hierher wird im Winter geräumt) folgt man dem Talboden nach Westen. Man geht auf einen steileren, großen Hang zu den man in einem Rechtsbogen umgeht. Dort wo es flacher wird wendet man sich nach Westen und steigt über steile Hänge immer auf der orografisch linken Seite eines Bacheinschnittes dem Pazolastock entgegen. Schließlich erreicht man den Verbindungskamm zwischen Rossboden Stock und Pazola Stock und steht indem man sich nach Norden wendet sogleich am Gipfel.
* Die Schwierigkeitsangaben beziehen sich auf die Skala der SAC Führer. Diese reicht von Mittlerer (MS), Guter (GS) und Sehr guter Skifahrer (SGS) zu Mittlerer (MA), Guter (GA) und Sehr guter Alpinskifahrer.
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