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Outdoor erleben mit und ohne Behinderung
Mit dem Integrationsprojekt „No Limits“ leistet der Deutsche Alpenverein einen beeindruckenden Beitrag zum „Internationalen Jahr der Menschen mit Behinderung“
Zentimeter um Zentimeter tasten sich zehn Fingerkuppen die steile Felswand nach oben. Behutsam suchen die Fußspitzen nach kleinsten Tritten und Mulden. Nur sehr langsam gewinnt Astrid auf ihrer Kletterroute an Höhe. Dennoch ist ihr Einsatz mehr als imponierend: Denn Astrid ist blind – eine Tatsache die dem „Bodenpersonal“ besondere Umsicht abverlangt. „Heute geht es zwar in erster Linie um das Klettern, aber mindestens genau so wichtig ist das richtige Sichern!“, hatte Katrin Babylon, die bei No Limits unter anderem für die Alpine Sicherheit zuständig ist, morgens den Kursteilnehmern eingeschärft.
Genauso wichtig wie eine intensive Outdoor Erfahrung ist wiederum für Anke Hinrichs die „integrative und gleichberechtigte“ Konzeption von No Limits. Die Initiatorin des Projekts hatte Ende der Neunziger Jahre bei einem alpinen Kurs des Schweizer Invalidenverbandes ihren ersten 3000er bestiegen. Völlig begeistert beschloss die selbst betroffene Diplompädagogin, auch in Deutschland einen solchen Lehrgang ins Leben zu rufen und fand in der Jugendbildungsstätte des Deutschen Alpenverein den idealen Kooperationspartner. Zusammen mit Kursleiter Eberherd Häuschkel führte sie im August 2000 die erste Kurswoche in Hindelang durch – mit einem entscheidenden konzeptionellen Unterschied: Im Gegensatz zum eidgenössischen Vorbild sollte bei No Limits kein Klima von „Betreuern und Betreuten“ entstehen. Nach dem, von Hinrichs sogenannten „Tandem Prinzip“ planen behinderte und nichtbehinderte Kursteilnehmer ihre Aktivitäten gemeinsam und unterstützen sich gegenseitig – auch bei den alltäglichen Bedürfnissen. Die Zweierteams werden nach dem Rotationsprinzip jeden Tag neu zusammengestellt. „Michael, heute bist Du mein nächstes Opfer!“ grinst Heiner selbstironisch zu seinem neuen Tandem Partner hinüber. Der hingegen empfindet die täglich wechselnden, intensiven Kontakte zu behinderten Mitmenschen als „absolute Bereicherung“. Daniela kann dem nur beipflichten: „Es war ein absolut faszinierendes Erlebnis mit einer Blinden einen Berg hinauf zu steigen.“ Auf dem anspruchsvollen Anstieg durch den Hirschbachtobel hielt sich Astrid am Rucksack der vor ihr Gehenden fest. Daniela half im steilen Gelände, indem sie die Fußtritte anzeigte.
Wer nun meint, die gegenseitige Unterstützung sei ja doch ziemlich einseitig, irrt. Beim Klettern beispielsweise übernehmen auch die behinderten Teilnehmer die volle Verantwortung für ihre nichtbehinderten Tandempartner. Voller Stolz strahlt Susanne: „Stell dir vor, erst hat mich der Torsten gesichert und dann habe ich ihn gesichert!“
Genauso vielfältig wie Herkunft und Behinderungsart der jungen Outdooraspiranten (das Spektrum umfasst sowohl körperliche als auch geistige Beeinträchtigungen) sind die Kursinhalte von No Limits. Die Aktivitäten reichen vom Klettern, Bergsteigen bis zur Wildbachbegehung mit Canyoning Charakter. Bei strömenden Regen springen die, mit Neoprenanzügen ausgestatteten Teilnehmer in Gumpen und werten diesen Programmpunkt als absolutes Highlight der Woche. Ein weiterer Höhepunkt ist das Nachtbiwak unter dem Sternenzelt. Schneetreiben und Kälte sind für das No Limits Team ebenfalls kein Hinderungsgrund sich in der Bergwelt auszutoben. Ermutigt durch den überwältigenden Erfolg wurde im März diesen Jahres erstmals der No Limits Winterkurs angeboten - mit Schneeschuhwandern, Iglubauen und natürlich einem Winterbiwak. Sowohl Sommer- als auch Winterkurs haben sich bei der Jugendbildungsstätte etabliert und sind fester Bestandteil des Kursprogramms geworden, wie Eberhard Häuschkel versichert.
Ausgepowert aber glücklich steht Astrid wieder auf festem Boden. Sie betont wie wichtig es für sie ist, beim Klettern vor allem auf die Füße zu achten. Sofort werden alle hellhörig. Keine fünf Minuten später hat sich Michael auch schon die Augen verbunden und bittet seinen Tandempartner ihn zu sichern. Die Route im unteren vierten Schwierigkeitsgrad, die er vorher problemlos emporkletterte zieht sich nun endlos in die Länge. Auch die meisten behinderten Teilnehmer lassen es sich nicht nehmen, das „Blindkraxeln“ einmal auszuprobieren. Gemeinsam machen Nichtbehinderte und Behinderte die Erfahrung wie es ist, ohne Augenlicht zu klettern. Wieder einmal ist eines der wichtigsten Ziele von No Limits erreicht, so wie es Frau Hinrichs in einer ihrer wissenschaftlichen Publikation auf den Punkt bringt: „Die Integration behinderter Menschen ist dann verwirklicht, wenn die Integrationsdiskussion überflüssig geworden ist.“
Kontakt: Unter www.jdav.de ist das gesamte Kursprogramm einsehbar. Weitere Auskünfte erhält man beim DAV-Jugendreferat unter der Nummer 089/14003-0.
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