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Kalter Ostwind fegt über den schneebedeckten Vereina Pass, sein kleiner See ist jetzt Ende Oktober bereits mit einer dicken Eisschicht überzogen. Kein Wunder, den mit 2585 m befinde mich am höchsten Punkt des 650 Kilometer langen Weitwanderung vom Genfer See ins Val Müstair. Von hier hat man eine traumhafte Sicht auf die gewaltigen Gipfel von Piz Linhard und Piz Zadrell. Benannt nach dem Pater Lienhard Zadrell der um 1700 am gleichen Sonntag in Klosters wie in Lavin gepredigt haben soll. Eine große Leistung, gibt der Wanderführer zum Kulturweg, aus dem diese Anekdote stammt diese Strecke doch mit 9,5 Stunden an!
Der Weite Weg zum Weitwanderweg Schon 1996 nach dem erfolgreichen Projekt “Pässespaziergänge – Wandern auf alten Wegen zwischen Uri und Piemont” reiften bei den Naturfreunden Pläne für einen Kulturweg durch die Schweiz, den ein thematischer Wanderführer begleiten sollte. Doch die erfolglose Suche nach Sponsoren, lies die papierenen Träume schnell in der Schublade verschwinden. 1997 kam dann das erlösende Telefonat aus Genf. Die Stiftung Alp Action nahm sich des Projektes an und brachte als weiteren Geldgeber den Schweizer Bäckerverband mit, wodurch die Weitwander-Troika vollständig war. Nachdem die Finanzierung erst 1998 stand, der Weg aber noch im letzten Jahrtausend eröffnet werden sollte, blieb der Naturfreunde Projektgruppe nicht mehr viel Zeit für die Umsetzung: Ein Sommer für die Recherche vor Ort, ein Winter für die Redaktion des Wanderführers, ein Frühling für die Übersetzung ins Französische und ein halber Sommer für Lay-out und Druck. Da für die französische Version kein Verlag gefunden wurde, gründete man noch schnell die eigene “Edition Amis de la Natur” und konnte schliesslich die noch druckfrischen Exemplare bei der feierlichen Eröffnung am 9.9.99 präsentieren.
Mystik und Engagement in der Surselva
“Wenn eine unschuldige Seele, das, was von hier aus sieht mit unparteiischem Gemüt betrachtet und die zahme Weide mit der Wildheit der Gebirge vergleicht, so wird er ungern diese Stelle verlassen.” Das Crap la Crusch, über den der Benediktinerpater Placidus a Spescha 1820 so schrieb ist wirklich ein einzigartiger Ort. An dem von Eiszeitgletschern flach gehobelten Sattel entscheiden nur wenige Dezimeter ob das Regenwasser zum Mittelmeer oder zur Nordsee hin abfliesst. Er ist also eine kontinentale Wasserscheide. Zudem bildet er sowohl eine geologische (Bündner Schiefer/ Trias Karbonate) als auch eine politische (Tessin/ Graubünden) und sprachliche Grenze (Italienisch/ Rätoromanisch). Im Norden überragen die vergletscherten Gipfel von Piz Medel der Piz Medel Gruppe, das vor uns liegende Hochtal der Greina. Seine Durchquerung kann Stunden dauern, zu schön ist es einfach dem Rein da Sumvitg zuschauen, wie er in unzähligen Mäandern dem Tal entgegen fliesst. Der junge Fluss koste seine Freiheit spielerisch aus, bevor er im Haupttal in enge Hochwasserdämme gezwängt wird. Die Greina war lange Zeit durch Kraftwerkspläne bedroht. 1996 endlich konnte das Flachmoor mit seinen 45 geschützten Pflanzenarten durch das Engagement der Schweizer Greina Stiftung endgültig vor dem Bau einer 80 Meter hohen Staumauer bewahrt werden. Und gilt seither als Symbol des Widerstandes gegen die Ausbeutung intakter Naturlandschaften.
Am gegenüberliegenden Pass Diesrut (2428 m) (siehe Sommerfotos!)bietet sich ein letztes Mal der traumhaften Blick auf das kleine Naturwunder, bevor man nach Norden ins rätoromanische Val Lumnez absteigt. Der Pass war für die Bewohner der Lumnezia ein bedeutender Übergang auf ihrem Weg nach Oberitalien, die als lattès (Molkereiarbeiter) in Mailand ein Wintereinkommen fanden. Beim Abstieg begleiten wir die tosende Aua da Diesrut, die über Jahrmillionen ein tiefes Tal ins Gestein schnitt. Im Weiler Vrin angekommen werden wir gewahr, dass unsere Schaffenszeit demgegenüber sehr begrenzt ist. Am Beinhaus der Dorfkirche bildetet ein vierreihiger Fries aus Totenschädeln das allgegenwärtige Memento Mori: “Gedenke, dass du sterben musst.” Ganz im Gegensatz dazu leuchtet die üppige Barockkirche in der Herbstsonne. Zurecht gilt die Marienkirche als das edelste Gotteshaus in dem an Sakralbauten nicht armen Val Lumnez.
Beim Alpenschutz vertrauen die gläubigen Talbewohner jedoch nicht allein auf Gottes Gnade, sondern zeigen grosses Engagement: Seit 1990 hat sich Pro Val Lumnezia umweltgerechtes Wirtschaften und sanften Tourismus auf die Fahnen geschrieben. Realisiert wurden u.a. ein Direktvermarktung örtlicher Erzeugnisse, ein vorbildliches Wanderwegenetz und ein Badesee im Dorf Vattiz. Ausserdem wirkt die Lumnezia mit im Gemeindenetzwerk Allianz in den Alpen. Mit diesem will die Internationale Alpenschutzkommission CIPRA die lahmende Konvention zum Schutz der Alpen zumindest auf regionaler Ebene umsetzten.
Beim weiteren Abstieg wechseln sich idyllische Bergdörfer und satte Almflächen ab, bis schließlich der Zusammenfluss von Vorder- und Hinterrhein erreicht ist. Hier befindet sich mit Illanz gleich die “Erste Stadt am Rhein”, wie sich das wirtschaftliche und kulturelle Zentrum der Region Surselva stolz bezeichnet. Bereits hier zieht die Kirche von Falera die Blicke des Wanderers auf sich (siehe Sommerfotos !) , thront sie doch hoch über dem Rhein auf einer exponierten Talterrasse. Für den Anstieg von 500 Höhenmetern wird man über alle Massen belohnt. Auf den letzten Metern führt eine schöne Ahornallee zu dem spätromanischen Gotteshaus. Mit seinen Holzschindeldach, dem romanischen Turm, schönen Fresken und nicht zuletzt seiner einzigartigen Lage wegen gilt Sankt Remigius als der schönste Sakralbau des Vorderrheintals. Schon in vorchristlicher Zeit erkannten die Menschen die mystische Ausstrahlung des Ortes. In der Bronzezeit befand sich auf der Muota, eine kleinen Ebene gleich hinter der Kirche die bedeutendste Sonnenkultstätte der Surselva. Die in Reihen aufgestellten Menhire gaben lange Zeit Rätsel auf. Schliesslich erkannte man, dass eine Rheihe von 8 Menhiren auf den Anfang und das Ende des Bauernsommers ausgerichtet (21.5. – 21.7.) ist. Eine Weitere setzt sich nach Westen in Richtung der ebenfalls hoch über dem Rheintal gelegenen Kirchen von Ladir und Ruschein fort und zielt exakt auf die Sonnenuntergänge vom 11.11. und 2.2. Diese Daten markieren Anfang und Ende des Bauernwinters. Solche Verbindungslinien zu Sonne und Mond galten als heilbringend für die Erde.
Engadin – Sonnenverwöhnte Trockeninsel und Heimat des Sgraffito
Wir überspringen 3 Etappen und kehren zurück zum Beginn der Reportage am Vereina Pass. Dieser macht seinem Ruf als wichtige Wetterscheide alle Ehre. Beim Abstieg ins Engadin lässt mich die warme Herbstsonne schnell den Anorak mit T-Shirt tauschen und auch die Seele wärmt sich beim Anblick der goldgelb leuchtenden Lärchen. Die Bäume, die bis auf 2200 m herauf reichen (auf der Nordseite liegt die Waldgrenze bei ca. 1800 m) kommen mit Trockenheit gut zurecht. Und das müssen sie auch. Schliesslich ist das Engadin eine der niederschlagsärmsten Regionen der Alpen. Dem Menschen kam das Klima durchaus entgegen, und so liessen sie sich auf der sonnenbeschienen Talterrassen des Unterengadin nieder. Absolutes Highlight der nächsten Etappe ist Guarda. Mit dem Bau der Talstrasse wurde der ehemalige Säumerort zwar seiner Funktion beraubt. Umso ruhiger lässt sich heute das wohl schönste Ortsbild des Engadins bewundern. Die dicken Steinmauern der Häuser sind mit prächtigen Sgraffiti verziert.(Siehe Sommerfotos !) Diese in den noch feuchten Putz aufgetragenen, bzw. eingeritzte Malereien, besitzen einen hohen Symbolgehalt: Sonnenräder huldigen unserem Zentralgestirn, Lilien sollen das Böse abwehren. Der Hahn bedeutet Wachsamkeit, der Fisch steht für Jesus. Wie schön, dass die alte Tradition auch heute noch lebendig ist. Im Engadin stösst man immer wieder auf die Fassadengestaltung zeitgenössischer Maler, die die Kunst des Skraffito beherrschen. Der Weg von Guarda zum benachbarten Bos-cha ist ein bequemer Sonntagsspaziergang mit Panoramablick. Kaum zu glauben, dass man gestern einen wilden Gebirgspass überquerte. Gerade darin erkennt man das perfekte Konzept des Kulturweg Alpen: Auf ihm kommt sowohl der alpinistisch, als auch der kulturell interessierte Wanderer voll auf seine Kosten.
Routenverlauf: Der 650 Kilometer lange Kulturweg Alpen führt über 10 Kantone und 15 Pässe vom Genfer See ins ostschweizer Val Müstair. Er ist in 61 Etappen aufgeteilt und verläuft sowohl durch Voralpen- wie auch Alpengebiet. Dementsprechend reicht seine Höhenlage von 375 m in Villeneuve am Genfer See bis auf 2585 m am Vereina Pass. Zeit/ Höhenmeter: Die Länge der Etappen reicht von 20 Minuten bis zu 7 Stunden. Die zu bewältigenden Höhenmeter liegen zwischen 0 m und maximal 1117 m. Die Verkehrsanbindung/ Übernachtung: Ausgangs- und Zielorte sind in der Regel gut mit öffentlichen Verkehrsmitteln zu erreichen. Wanderrouten und Übernachtungsmöglichkeiten wurden so gewählt, dass auch Familien mit Kindern ab 10 Jahren den Weg problemlos bewältigen können. Schwierigkeit: Keiner der Etappen überschreitet den Schwierigkeitsgrad mittelschwer. Bei diesem trifft man z.B. auf Geröllhalden oder steileres Gelände, die Orientierung kann bei dichten Nebel dann schwierig werden. Beste Jahreszeit: Während die Etappen im Alpenvorland von April bis November zu empfehlen sind, sollte man die Abschnitte am Alpenhauptkamm nur von Juni bis Oktober (bzw. Juli – Oktober) erwandern. Die besten Zeiten der jeweiligen Etappen sind im unten erwähnten Wanderführer angegeben. Literatur: Zu der Weitwanderung wurde ein sehr empfehlenswertes Begleitbuch von den Naturfreunden Schweiz heraus gegeben. Er gibt kompetent Auskunft über Routenverlauf, Schlafmöglichkeiten (mit Telefonnummern), Varianten, Verkehrsanbindung, etc. und beschreibt die am Weg liegenden Sehenswürdigkeiten. 30 interessant geschriebene Spezialthemen vertiefen die auf dem Weg gewonnenen Eindrücke. Die Themenvielfalt reicht von der Wiedereinbürgerung des Luchses und dem Simmentaler Hausbau bis zur (Verkehrs)Lawinenbedrohung im Reusstal und der Renaissance der rätoromanischen Sprache in Graubünden.
“Kulturweg Alpen – Zu Fuss vom Lac Léman ins Val Müstair”, Limmat Verlag Zürich, 384 Seiten, 250 Abbildungen, Fr. 38,-. Zu beziehen im Buchhandel oder direkt auf der Internetseite www.naturfreunde.ch
Karten: Bei dem Kauf des Buches spart man sich übrigens den Erwerb von Kartenmaterial, da die dargestellten Karten im Massstab 1:100 000 zur Orientierung vollkommen ausreichen. Eine Übersichtskarte zum Kulturweg kann man kostenlos auf der Homepage der Naturfreunde (siehe oben) bestellen.
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