Eiswände im Klimastress

 

Nach einem verregneten Start in den Bergsommer stabilisierte sich Ende Juli 1998 endlich daß Wetter. Startsignal für alle Hochtourengeher Pickel und Steigeisen in den Rucksack zu packen und den glänzenden Eisflanken der Alpen entgegen zu streben. Für zwei schweizer Bergsteigerinnen endete der Traum von wohl schönsten Eisgrat der Alpen jedoch tödlich. Noch lange vor Erreichen des Biancogrates wurden sie unter der Fuorcla Prievlusa von herabstürzenden Gestein erschlagen. Dieses Unglück ist symptomatisch für eine Entwicklung der letzten Jahren, die  Eistouren immer problematischer werden läßt. Während die subjektiven Gefahren durch verbesserte Technik und optimales Material mehr und mehr in den Hintergrund treten, sind die objektiven Gefahren – und hier in erster  Linie der Steinschlag – kaum noch zu kontrollieren. Außerdem kann man sich bei der Routenvorbereitung nicht mehr ganz auf die Führerliteratur verlassen. Denn durch die Erwärmung  sind viele Gletscherbrüche  zerissener und die Eislängen kürzer geworden.

ZUHNAHME VON STEINSCHLAG
Hauptursache des Problems ist das mit der globalen Klimaerwärmung einher gehende Ansteigen der Permafrostgrenze. Als Permafrost bezeichnet man  ständig gefrorenen Boden, der auch im Sommer allenfalls oberflächlich auftaut. Während das unterkühlte Erdreich subpolarer Gebiete bis in 300 Meter Tiefe reichen kann, spielt sich die Bodengefrornis in den Alpen im Meterbereich ab. Und hat dennoch große Bedeutung für die alpine Erosion. So mächtig und ewig gerade die Bergriesen des Alpenhauptkammes uns erscheinen, sind ihre mächtigen Wände doch oft nichts anderes als hochgelegene Schutthalden. In den aus brüchigen Bündner Schiefer aufgebauten Glarner Alpen oder in den in der weichen Rauhwackenzone liegenden Albulaalpen springen selbst dem Nichtgeologen erosionsanfällige  Gipfelformen ins Auge. An nach landläufiger Meinung harten Granitgipfeln ist das jeweilige Steinschlagpotential nicht so offensichtlich zu erkennen. Während man beispielsweise am Grat oberhalb der Fourcla Prievlusa im recht kompakten  Berninagranit klettert, lauern an den unterhalb angrenzenden Hangflanken lose Geröllmassen des gleichen Gesteinstyp. Eben jene die von der Umklammerung des Eises gelöst, den eingangs erwähnten Alpinistinnen zum  Verhängnis wurden.

Nun schwitzten in der Oberengadiner Bergwelt nicht nur unzählige Generationen von Eistourengehern, sondern seit einigen Jahren auch Umweltwissenschaftler der Eidgenößischen Technischen  Hochschule in Zürich. 1998 wurde von ihnen das auf 5 Jahre angelegtes Nationalen Forschungsprogramm “Klimaänderung und Naturkatastrophen” abgeschlossen. Mit dem Projekt wollten die Forscher herausfinden wie alpine Ökosystemen auf langfristigen Klimawandel reagieren. Neben vielen wissenschaftlichen Publikationen liegt nun eine glaziologische Karte der Berninagruppe vor. eventuell: (siehe Abbildung) Und diese enthält beängstigende Tatsachen. Die augenblickliche Untergrenze des Permafrostes liegt in Steilhängen je nach Exposition zwischen  2350 m und 3000 m. Während sie in den letzten 150 Jahren vergleichsweise langsam um 100 Höhenmeter kletterte, prognostizieren die Forscher einen weiteren Anstieg von 100 Meter in den nächsten 25 Jahren!  So könnten in der nahen Zukunft “Schuttlager freigesetzt werden, die bisher vom Eis festgehalten wurden”. “Murgänge, ohne historische Parallele” seien zu befürchten.

ZERISSENE GLETSCHER

Aber nicht nur für die Felserosion sondern auch für die Stabilität von Hängegletschern hat der Permafrost große Bedeutung. Den Betreibern der Jungfraubahn bereitete eine plötzlich aufgetretene Riesenspalte in einem Hängegletscher an der Westflanke des Eigers schlaflose Nächte. Daher nahm  eine Forschungsgruppe um den Glaziologen Prof. Wilfried Häberli das Eisfeld  unter die Lupe. Die eidgenössischen Wissenschaftler stellen erstaunt fest, daß im Sommer  tief gelegene, bzw. strahlungsexponierten Firnfelder auf ihrer Unterseite nicht eisig kalt, sondern temperiert sind. Das heißt sie werden durch eindringendes  Schmelzwasser auf über 0° Celsius gebracht. Nur die aus Eis bestehenden Abbruchfronten der Gletscher sind noch am darunterliegenden Permafrost angefroren. Durch das unterschiedliche Fließverhalten bauen sich starke  Spannungen innerhalb der Eismasse auf, welche die Scherfestigkeit gerade in der für die Stabilität so wichtigen Abbruchfront herabsetzen. Die Entstehung von riesigen Eislawinen am Grand Jorasse Gletscher (November `96 und Januar `97) und am Grindelwalder  Gutzgletscher (September `96) war somit geklärt. Auch wenn andernorts keine Eislawinen zu Tal donnern, werden  Gletscherbrüche im allgemeinen durch die beschriebene Dynamik immer zerrissener.  Die wissenschaftliche Erkenntnisse werden viele Hochtourengeher anhand eigener Beobachtungen bestätigen können.  So sind laut Alpenvereinsführer am  Grießferner allenfalls “senkrechte Stellen möglich”. Als ich aber vor 2 Jahren erwartungsvoll dem zillertaler Gletscher entgegenstieg, lauerte inmitten des eisig blauen Labyrinthes  eine böse Überraschung auf mich und meinen Partner. Am Ende des Gletscherbruches ragte an der Bergseite einer tiefen Spalte eine  ca. 8 Meter hohe durchweg überhängende Eiswand in den Himmel. Was für Robert Jasper eine Genußseillänge gewesen wäre, bedeutete für uns  Durchschnittsalpinisten die unerwartete Umkehr.

VERKÜRZTE EISLÄNGE

Am benachbarten Hochferner wiederum offenbart sich die dritte Auswirkung des globalen Klimawandels. Durch die zunehmende Erwärmung apert die direkte Route im Sommer häufig aus. Während die Volumensänderungen mächtiger Talgletschern mit komplizierten Messmethoden ermittelt werden (Siehe Kasten: Gletscherforschung im Wandel der Zeit), ist der Eisverlust der weit  weniger mächtigen Eiswände mit bloßem Auge erkennbar. Wohl aufgrund ihrer Unzugänglichkeit gibt es jedoch keine genauen Messungen vom Massenverlust der Eiswände. Hier könnte der Alpinismus potentiellen Untersuchungen eine wertvolle Hilfe leisten. Mit der Gegenüberstellung alter Führerangaben mit der heute noch verblieben Eislänge (Siehe Kasten: Zustand der Eistouren) und dem Vergleich alter Aufnahmen mit aktuellen Wandphotos lassen sich die Veränderungen sehr gut dokumentieren. Solche bildhaften Ansätze sind bei den Glaziologen übrigens keineswegs verpönt, sondern werden seit je her als sogenannte historische Methode zu hydrologischen, topografischen und glaziologischen Messungen hinzugezogen.

SCHLUSFOLGERUNGEN

Wer gerne über steile Eisflanken seinem Gipfel entgegen strebt, tut gut daran seine Steigeisen schon im Spätwinter anzulegen. Wobei natürlich die dann oft noch vorhandene Lawinengefahr zu berücksichtigen ist. Konsequenter weise sollten Liebhaber eisgepanzerter Grate und Wände ihre eigene CO2 – Bilanz kritisch hinterfragen und beispielsweise das Auto so oft wie möglich stehen lassen.

Zum Schluß noch ein Hoffnungsschimmer für schwitzende Ferner, Vadrets und Glaciers: Computersimulationen des unter Wissenschaftlern angesehenen Potsdamer Institutes für Klimafolgenforschung ergeben eine mögliche Verschiebung des Golfstrom. Würde Europas Wärmelieferant durch abgeschmolzenes Arktikeis nach Süden verdrängt, wäre eine Kleine Eiszeit nicht nur in Nordeuropa, sondern auch  bei uns beschlossene Sache.

 

  GLETSCHERFORSCHUNG IM WANDEL DER ZEIT    

Die Wiege der Glaziologie stand natürlich in der Schweiz. Schon 1830 beschrieb Joseph Hugi die Veränderungen des Unteraargletschers. Wenig  später begann Louis Agassiz mit experimentellen Untersuchungen. Er und seine Mitarbeiter erstellten eine exakte Karte des Unteraargletschers im Maßstab 1:10000. Dazu zeichneten sie die Wetterdaten auf und erfaßten sogar  schon die Bewegung der Gletscheroberfläche mittels eingebohrter Stangen, die mit dem Theodolit vermessen wurden. Aber auch in Österreich wurde frühzeitig Gletscherforschung betrieben. Roman Mosers Publikation “Hundert Jahre Schwund der Dachstein-Gletscher” beweist, daß die Eisabnahme schon im vorigen Jahrhundert begann. Zwischen 1850 bis 1950 büßten Hallstätter Gletscher und Co. 46% ihrer Fläche ein. Seit Mosers Veröffentlichung sind zu den zum Teil heute noch gebräuchlichen Messmethoden zahlreiche moderne Verfahren hinzugekommen.  Anhand von Luftbildaufnahmen werden digitale Geländemodelle hergestellt, aus denen sich zeitliche und räumliche Längen- und Volumensänderungen der Gletscher berechnen lassen. Mit dieser geodätische Methode kann man jedoch nur Gletscher ähnlicher Größe, Topographie und Höhenlage miteinander vergleichen. Trotz gleicher Wetterbedingungen zogen sich beispielsweise 1996/97 manche schweizer Gletscher stark zurück (Tsidjiore Gletscher bei Arollo verlor 108 Meter) während andere sogar vorstießen (Der nur 30 km entfernte Bella Tola Gletscher gewann 26 Meter)(Siehe Diagramm). Die aus dem Verhältnis von Zuwachs (Akkumulation) und Abschmelzen (Ablation) ermittelte Massenbilanz ist objektiver und hat zudem den Vorteil, daß sie für das jeweilige hydrologische Jahr ermittelt werden kann. Volumenänderungen treten hingegen mit einer beträchtlichen zeitlichen Verzögerung auf und lassen dafür aber Rückschlüsse auf Klimaänderungen zu. Modernste Technik ermöglicht heutzutage Einblicke ins Innenleben der Eisriesen. Mit bis zu 300 Meter tiefen Heißwasser-Bohrungen werden die Temperaturverhältnisse  und die Eisbewegung  an der Gletscherunterseite  ermittelt. In Kombination mit Echolotsondierungen des Felsuntergrundes kann so das Fließverhalten des gesamten Eiskörpers analysiert werden.

 ZUSTAND DER EISROUTEN

Eine vollständige Zusammenstellung aller klassischen Eisrouten würde hier den Rahmen sprengen.  Daher soll nur ein Überblick von bekannten Ziele geben:

Am Großglockner ist der frühere übliche Hofmannsweg wegen der Ausaperung so gut wie nicht mehr begehbar. Die ebenfalls stark schmelzende Pallavicinirinne (55°) ist im Sommer sehr steinschlaggefährdet und ist daher eher im Spätwinter zu empfehlen. Für gute Eiskletterer bietet sich als Alternative die bis 90° steile, benachbarte Eisnase an.

Auch in der direkten Hochferner Nordwand  sucht man im engsten Teil der Rinne oft vergeblich Eis. Dafür blizt dem Hartgesottenen brüchiger Fels im IV. Grat entgegen. Die Alternativroute über den rechts gelegenen Gletscherbruch dürfte ähnlich anspruchsvoll sein wie der im Text erwähnte Grießferner.

Die Similaun Norwand lobt der DAV – Führer von 1961 als “steile, außerordentlich schöne Eiswand”. Von diesem Glanz ist heute so gut wie nichts mehr übrig gebleiben.

Wer sich auf 600 Meter Eis (Gleiche Ausgabe)  in der Taschach Nordwand freut, wird sich über den langen Zustieg im ausgeaperten, bröseligen Wandfuß wundern. Allenfalls 400 Meter sind noch übrig geblieben. Die sind dafür immer noch zu empfehlen.

 Die 700 Meter hohe Piz Roseg Nordostwand war früher fast durchgehend mit Eis bedeckt. Laut SAC – Führer von 1973 muß man nur einmal in felsiges Gelände, um einen Eisüberhang zu umgehen. Heutzutage geht es eher  darum im Zick-Zack-Kurs den frei geschmolzenen Felsbändern ausweichen. Da ist der Eselsgrat (III.) vielleicht eher zu empfehlen, auch wenn es sich dann eher um eine Hoch- als eine Eistour handelt.

Der Biancograt am Piz Bernina  ist vielleicht aufgrund seiner von Wind umtosten Lage von größerem Eisverlust verschont worden. An heißen Sommertagen sollte man das Ziel vielleicht überdenken, da die Firnflanke (bis 50°) unterhalb der Fourcla Prievlusa stark Steinschlaggefährdet ist.